Montag, 21. März 2016

Was ist eigentlich Seide?

Archäologische Funde belegen, dass Seide seit mindestens 5.000 Jahren bekannt ist und wegen ihrer besonderen Eigenschaften geliebt wurde. Als Kleidungsstück kühlt sie im Sommer und wärmt im Winter, ist unendlich weich, seidenweich eben und auch in der Kosmetikindustrie wird sie geschätzt.

Im Herbst letzten Jahres war ich in China, wo ich in Suzhou unter anderem eine Seidenmanufaktur besichtigt habe. Ich muss gestehen, dass mir danach die Lust auf Seide ein wenig vergangen ist.


Seide wird aus den Kokons des Schmetterlings "Seidenspinner" - oder auch "Maulbeerspinner" genannt - gewonnen.


Die Schmetterlinge legen Eier aus denen Raupen schlüpfen, die sich nach mehreren Häutungen verpuppen. Dazu spinnen sie einen Kokon aus einem einzigen langen Seidenfaden um sich herum. Diesen Faden geben sie aus umgewandelten Speicheldrüsen ab. Der Seidenfaden besteht dabei zu 100% aus Proteinen (Eiweißen), die dem menschlichen Haar ähneln.

Eier der Maulbeerspinner
In der Manufaktur werden die Raupen zunächst mit ihrer Lieblingsspeise (und einzigen Nahrung), den Maulbeerblättern gefüttert

Maulbeerbäume
 

und erhalten dann ein Bastgerüst, an dem sie ihren Kokon spinnen. 



Diese Entwicklung wurde in der Manufaktur gezeigt. So weit, so gut. Jetzt wird es jedoch ein wenig unangenehm. Denn in diesen Kokons leben die Raupen und sollten sich dort eigentlich zu Schmetterlingen verwandeln, also eine Metamorphose durchleben. Doch so weit kommt es nicht.

Die Kokons werden gesammelt, gekocht, um den Leim, der den Kokon zusammen hält, heraus zu waschen und die Raupen dabei abgetötet.



Da die Seide der Kokons nicht immer die selbe Qualität hat, werden die Kokons zunächst von Hand sortiert.  




Bei denjenigen, die die Qualitätsprüfung überstanden haben, wird nach dem Anfang des Seidenfadens, der bis zu 3 Kilometer lang sein kann, gesucht und dieser in eine Maschine gespannt, die den Seidenfaden aus dem der Kokon gesponnen ist, nun langsam wieder abwickelt, da er auf keinen Fall zerstört werden soll. 



Auf dem folgenden Foto kann man die einzelnen Seidenfäden der acht Kokons, die wieder abgewickelt werden, erahnen.

 

Dabei werden die darin enthaltenen Raupen langsam wieder sichtbar.


Der feine, weiche Seidenfaden wird auf Spulen gewickelt. Wenn ich mich richtig erinnere, werden die acht Fäden der acht verschiedenen Kokons vorher leicht verdrillt und dann erst auf diese Spulen gewickelt. Die Zahl "Acht" wird in China mit Glück und Reichtum verbunden. Da Chinesen relativ abergläubisch sind, liegt nahe, dass die acht Fäden hier bewusst gewählt wurden. Auf jeden Fall sind Wohnungen im achten Stockwerk eines Hauses teurer als in anderen Stockwerken und auch für Autokennzeichen mit der Zahl "8" werden hohe Beträge gezahlt.

Der Geruch war in diesem Teil der Manufaktur etwas unangenehm.


Und das bleibt übrig, wenn der teure Seidenfaden gewonnen wurde.

Die Seide wird zu Stoffen verwebt oder zu Wolle versponnen.

Galileo hat 2009 den Weg der Seide von Hanghou nach Deutschland verfolgt. Das Video kann man - nach einer kurzen Werbeeinspielung ansehen. Bei der Tierschutzorganisation PETA kann man sich ebenfalls ein Video zur Seidenproduktion ("Lebendig gekocht im Kokon") ansehen.

Ob ich weiterhin Seide kaufen werde? Vermutlich ja. Für Unterkleider ist sie aufgrund der oben bereits genannten Eigenschaften perfekt geeignet. Zudem lädt sie sich nicht statisch auf und klebt damit auch nicht an der Strumpfhose. Aber ich weiß wie sie produziert wird und werde deswegen bewusster mit diesem Naturprodukt umgehen.

Übrigens: Seide wird auf den Weltmärkten häufig nach Gewicht bezahlt. Dies führt dazu, dass sie zum Teil mit Schwermetallen (giftig!) und Harzen behandelt wird, um sie zu "beschweren" oder sie wird mit Chemikalien behandelt, um sie knitterfrei zu machen oder die Farbhaftung zu verbessern.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen sehr aufschlussreichen und ich finde auch traurigen Beitrag. Jetzt werde ich mit diesem Produkt auch wesentlich bewußter umgehen.
    LG Karin

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  2. Spannend! So detailliert habe ich das bisher noch nirgendwo bebildert gesehen. Vor Jahren habe ich den Roman Seide vom Herrn Barrico gelesen, der beleuchtet ein bisschen, wie man versucht hat die Seidenraupen auch nach Europa zu holen. Nicht sehr erfolgreich allerdings. LG, Zuzsa

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  3. Zu allem gibts alternativen!
    es gibt wohl auch eine gewaltfreie seide!die raupen werden dabei nicht getötet.
    Ökologisch korrekt, fair und sozial- man muss dafür nur mehr zahlen!
    zum nachlesen hier:
    http://www.bioseide.de/bio_ahimsa_seide.html

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  4. Ja, Seide ist auch so eine Sache, wo man bei genauerem drüber Nachdenken ins Grübeln kommt. Du hast sehr anschauliche Bilder vom Prozess gemacht. Ich meine, dass es auch Seiden gibt (Bourette- und/oder Schappè?), die erst nach dem Schlüpfen der Raupen verarbeitet werden. Vermutlich sind in den Anfängen der Seidengewinnung einfach die leeren Kokons gesammelt worden. Da hat man dann natürlich keinen Endlosfaden mehr, sondern kürzere Fasern, was Aussehen und Eigenschaften des Endprodukts beeinflusst.
    Viele Grüße,
    Malou

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  5. So eine Seidenproduktion habe ich einmal in vietnam besichtigt, danach habe ich (bis vor einem Jahr) auch keine Seide mehr versrbeitet!
    Lg Sybille

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  6. Sehr interessant - die Maschine, die die Seidenfäden abspult, habe ich noch nirgends gesehen. Die Ausstellung zur Seidengewinnung in Lyon endete - möglicherweise mit Absicht? - mit der Anzucht der Raupen und dem Verpuppen. Die weitere Verarbeitung wurde dann nur kurz beschrieben, und dann war man gleich schon beim stoff.

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